Backhaus: Küstenschutz verlangt nach flexiblen Anpassungsstrategien

Nr.009/2017  | 10.01.2017  | LM  | Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt

Die Sturmflut der vergangenen Woche bleibt nur wenig hinter der letzten großen Sturmflut von 1995 zurück, konstatierte Umweltminister Dr. Till Backhaus heute in einer Sondersitzung des Landtags von Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin.

Das zeigt ein Vergleich der Wasserstandhöchstwerte beider Jahre: Während der Pegel in Wismar 1995 auf etwa 2 m über Normal kletterte, erreichte er in der Hansestadt bei dem aktuellen Ereignis ca. 1,80 m. In Warnemünde stiegen die Pegel im Vergleich zu 1995 wiederholt auf etwa 1,60 m über Normal. In Greifwald (1,65 m über NN) und in Koserow (über 1,55 m über NN) kamen die Pegelstände nicht ganz an die Rekordwerte von 1995 heran: Damals wurden in Greifswald 1,79 m über Normal und in Koserow 1,83 m über Normal gemessen.

Die Staatlichen Ämter für Landwirtschaft und Umwelt sind aktuell mit der Aufnahme und Bewertung der Schäden an Küstenanlagen befasst. „An fast allen Dünen sind Dünenkliffs entstanden, die lokal bis zu 5 Metern hoch sind. Von einigen Dünen wurden bis zu 8 Metern abgetragen, auch einige Deiche wurden beschädigt. An allen Steilufern gab es Abbrüche mit Küstenrückgängen bis zu 8 Metern. Damit waren die Auswirkungen deutlich stärker als bei den Sturmfluten der Jahre 2002 und 2006“, bilanzierte Backhaus.

Seit Freitag werden die Auswirkungen der Sturmflut von Flugzeugen aus der Luft mittels spezieller Laserscantechnik dokumentiert. An besonders stark betroffenen Küstenabschnitten erfolgen parallel dazu terrestrische Vermessungen des Strandes und des Vorstrandes. Nach ersten Einschätzungen sind die Schäden an vier Küstenabschnitten besonders groß: Zempin auf Usedom, Binz auf Rügen, Prerow-Zingst auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst sowie der Abschnitt Rostock - Graal-Müritz.

„Wir werden die Auswertung der Messungen in diesen Bereichen prioritär behandeln“, versprach der Minister. Sicherheitsdefizite sollen durch Sofortmaßnahmen, wie Sandaufspülungen schnellstmöglich beseitigen werden. Auch in Küstenabschnitten, die nicht dem Hochwasserschutz des Landes unterliegen, können Menschen auf schnelle und unbürokratische Hilfe beim Wiederaufbau zerstörter Infrastrukturen hoffen. Wie angekündigt, bringen SPD und CDU einen Hilfefonds mit einem Budget von 25 Mio. € auf den Weg. „Ich danke meinen Ministerkollegen und den Regierungsfraktionen ausdrücklich für Ihr schnelles und unkompliziertes Handeln.“

Gleichwohl betonte der Minister, ausschließlich nachhaltige Maßnahmen unterstützen zu wollen. „Ein Wiederaufbau in unmittelbarer Küstennähe ist ein Fass ohne Boden, weil beim nächsten Sturmflutereignis ähnliche Probleme vorprogrammiert sind.“ Bei allem Verständnis und Mitgefühl für die betroffenen Gemeinden und Menschen, müsse eines ganz klar gesagt werden: „Die durch Sturmfluten verursachten Küstenrückgänge sind Teil eines geologischen Prozesses, der unsere Küste bereits seit Ende der Eiszeit formt und sie zu dem attraktiven Landschaftsraum gemacht hat, der heute Millionen Besucher begeistert“, betonte der Backhaus.

Auch erinnerte er daran, dass der Küstenabtrag und die damit verbundenen Sedimentlieferung notwendig ist, um das vorherrschende Sedimentdefizit in anderen Bereichen der Küste auf natürlichem Wege zu mindern. Anderenfalls müsse das natürliche Sedimentdefizit vollständig durch künstliche Sedimentzufuhr, also durch Sandvorspülungen, ausgeglichen werden. „Abgesehen davon, dass das keiner bezahlen könnte, wären die dafür erforderlichen Sande in den marinen Sandlagerstätten langfristig gar nicht verfügbar.“

Um dem natürlichen Küstenrückgang zu trotzen und die Ortschaften vor Überflutung zu schützen, hat das Land mit erheblichen finanziellem Aufwand seit 1991 rund 17 Millionen Kubikmeter Sandvorspülungen vorgenommen und mehr als 1000 Buhnen gebaut. „Es ist jedoch unmöglich, diesen Naturprozess überall so zu beeinflussen, dass der Küstenrückgang gestoppt wird, der sich an 70 % unserer 377 Kilometer langen Außenküste vollzieht“, so der Minister.

Backhaus: „Wir müssen anerkennen, dass es dem Menschen trotz aller technischen Errungenschaften nicht möglich ist, den geologischen Küstenausgleichsprozess dauerhaft außer Kraft zu setzen. Langfristig können in diesem dynamischen Naturraum nur flexible Anpassungsstrategien erfolgreich sein. Diese zu finden und erfolgreich umzusetzen, ist die eigentliche Herausforderung an der Küste.“