Von der Schule in den Beruf

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Die Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur Birgit Hesse

Die Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur Birgit Hesse

Die Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur Birgit Hesse

Birgit Hesse ist seit November 2016 Bildungsministerin in Mecklenburg-Vorpommern. Sie spricht über die neue Struktur der Berufs- und Studienorientierung, erfolgreiche Ausbildungswege und über den hohen Stellenwert der Zusammenarbeit zwischen Schule und Wirtschaft. Ein Interview mit der Zeitschrift WIR, Ausgabe Januar/Februar 2017, der IHK zu Rostock

Frau Hesse, Die Opposition kritisiert schlechte Ergebnisse in der Berufsausbildung, jeder fünfte Berufsschüler verlässt demnach die Schule ohne Abschluss. Wo sehen Sie Mecklenburg-Vorpommern dabei im Ranking der Bundesländer - gerade auch im Hinblick auf berufsvorbereitende Maßnahmen für Schüler mit starken Lernproblemen?

Zunächst einmal wäre schon viel erreicht, wenn unseren Schülerinnen und Schülern nicht ständig das Etikett angeheftet wird, dass sie schlecht ausgebildet seien oder wichtige Grundqualifikationen nicht beherrschten. Das muss endlich aufhören. Wir sollten stattdessen Berufsschülerinnen und Berufsschüler motivieren, damit sie auch bei uns im Land bleiben und einen Job annehmen. Mit einer Abgängerquote von 20,5 Prozent im Jahr 2015 liegt Mecklenburg-Vorpommern im Bundesdurchschnitt. Für viel wichtiger halte ich, im Einzelfall nach den Gründen zu fragen, warum Jugendliche ihre Ausbildung abbrechen. Stimmt der Ausbildungsberuf mit ihren ursprünglichen Vorstellungen überein? Liegt es am Verhältnis zu den Ausbildungsbetreuern? Sind die Arbeitszeiten und die Vergütung in Ordnung? Hierzu möchte ich bei der nächsten Gelegenheit mit den Kammern, Verbänden und  Gewerkschaften ins Gespräch kommen.

Wie können die Berufsorientierung in der Schule und die berufliche Bildung besser werden? Welche Verbesserungen planen Sie umzusetzen?

Die Berufsorientierung an unseren allgemein bildenden und beruflichen Schulen soll verbindlicher und konkreter werden. Das Konzept dazu liegt vor und soll zu Beginn des kommenden Schuljahres umgesetzt werden. Die Anhörung der Sozialpartner ist gerade zu Ende gegangen und wird nun ausgewertet. Das Konzept sieht in den einzelnen Jahrgangsstufen verschiedene Phasen der Berufsorientierung vor: So sollen beispielsweise Schülerinnen und Schülern in den Jahrgangsstufen 5 und 6 Beruf und Arbeit als wegweisende Teile des Lebens begreifbar gemacht werden. In den Jahrgangsstufen 7, 8 und 9 sollen sie ihre Stärken, Neigungen und Interessen noch besser kennenlernen und verschiedene Berufsfelder erkunden. Die Fächer Arbeit-Wirtschaft-Technik und Informatik werden aufgewertet. An Gymnasien soll es neben der Studienorientierung auch eine Berufsorientierung geben. An den beruflichen Schulen ist Berufsorientierung für Schülerinnen und Schüler vorgesehen, die noch keinen Ausbildungsvertrag in der Tasche haben. Ganz wichtig bleibt das Praktikum, bei dem die Schülerinnen und Schüler Einblicke in den Betrieb erhalten. Ich wünsche mir, dass Unternehmerinnen und Unternehmer bei uns im Land viele Praktikumsplätze zur Verfügung stellen.

„Ich wünsche mir, dass Unternehmerinnen und Unternehmer bei uns im Land viele Praktikumsplätze zur Verfügung stellen“

Gut ausgestattete berufliche Schulen sind unabdingbar für den Erfolg dualer Berufsausbildung. Wie wollen Sie die Qualität des Berufsschulunterrichts steigern und Unterrichtsausfall vermeiden? Macht eine Mega-Berufsschule Sinn?

Unsere Berufsschulen sind materiell und personell gut ausgestattet. Unterrichtsausfall begegnen wir mit einem Vertretungslehrerprogramm für berufliche Schulen. Das Vertretungsprogramm, das die Wirtschaft gefordert hatte, in dem sie Fachkräfte in die Schulen schicken wollte, hat sich leider nicht bewährt. Von einer Million Euro im Jahr sind lediglich 15.000 Euro in Anspruch genommen worden. Dennoch hat sich etwas Gravierendes verändert: Die Schülerzahlen sind in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen. Anfang der 1990er Jahre waren es rund 70.000 Schülerinnen und Schüler an den beruflichen Schulen, heute sind es 29.000 Schülerinnen und Schüler. Das ist ein Rückgang um mehr als die Hälfte. In einem Flächenland wie Mecklenburg-Vorpommern hat das Auswirkungen auf das Schulnetz. Die Konzentration auf Hauptstandorte mit Außenstellen ist da nur eine logische Folge, wenn wir das umfangreiche Angebot von rund 140 Ausbildungsgängen aufrechterhalten wollen.

Was halten Sie von Digitalisierung, zumindest Pilotprojekten dazu, schon in der Grundschule bis hin zu den Berufsschulen? Finden Lehrerfortbildungen zur Digitalisierung statt?

Die Kultusministerkonferenz hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Wer nächstes Jahr in die Schule kommt, soll bis zum Ende seiner Schulzeit eine umfassende digitale Medienbildung erhalten. Daran arbeiten wir. An den beruflichen Schulen will das Land gemeinsam mit Schulträgern, der IHK Neubrandenburg und der Hochschule Wismar erproben, unter welchen Voraussetzungen E-Learning an beruflichen Schulen eingesetzt werden kann. Das Modellprojekt haben wir Ende des vergangenen Jahres vereinbart. Wir wollen damit den Unterricht nicht revolutionieren, sondern sinnvolle Zusatzangebote schaffen. Am Ende kommt es auf die Person an, die vor der Klasse steht: die Lehrerin oder den Lehrer. Das wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Für die Erprobung eignen sich aus meiner Sicht  berufliche Schulen gut, weil dort ältere Schülerinnen und Schüler lernen, die computer- und technikaffin sind. 

Der Übergang von der Schule in den Beruf ist im Bündnis für Arbeit und Wettbewerbsfähigkeit Mecklenburg-Vorpommern ausführlich behandelt worden. Wie beurteilen Sie den Umsetzungsstand des „Landeskonzeptes für den Übergang von der Schule in den Beruf“ vom 26.05.2014? Wo liegen 2017 Ihre Arbeitsschwerpunkte?

Im Landeskonzept haben sich die Partner des Bündnisses für Arbeit auf verschiedene Maßnahmen verständigt, wie Jugendliche noch motivierter in den Beruf finden können. Der Handlungsbedarf ist allen bewusst – auch der Landesregierung. In guter wirtschaftlicher Lage fehlen Fachkräfte, zu viele Lehrstellen bleiben unbesetzt und viele Jugendliche finden weiterhin nicht den für sie geeigneten Ausbildungsplatz. Mit unserem Konzept zur Berufs- und Studienorientierung liegen nun konkrete Maßnahmen vor, wie wir es schaffen können, dass mehr Jugendliche zielgerichteter einen Beruf finden, der ihnen Spaß macht. Dies wird aber nur gelingen, wenn Schulen und Wirtschaft zusammenarbeiten.

Was halten Sie von einem Runden Tisch mit Kammern und Verbänden zur Entwicklung der Schule von morgen?

Grundsätzlich halte ich es für eine gute Idee, miteinander im Gespräch zu bleiben. Ich glaube aber nicht, dass uns eine weitere institutionalisierte Runde voranbringt. Ich halte mehr davon, sich über konkrete Projekte oder Fragen auszutauschen. Mit der Arbeitsgruppe „Zukunft der Arbeit“ im Bündnis für Arbeit haben wir beispielsweise ein Forum, in dem wir uns über Bildungsfragen austauschen können. Wenn Kammern oder Verbände darüber hinaus das Bedürfnis haben, freue ich mich, wenn sie sich bei mir melden.