Interview mit Ministerin Hesse

„Mit mir wird es keine Experimente in der Schulpolitik geben“

Bildungsministerin Birgit Hesse liest an ihrem Schreibtisch im Ministerium in der aktuellen Ausgabe des Schulmagazins „klasse!“, Foto: Silke Winkler Details anzeigen

Bildungsministerin Birgit Hesse; Foto: Silke Winkler

Bildungsministerin Birgit Hesse liest an ihrem Schreibtisch im Ministerium in der aktuellen Ausgabe des Schulmagazins „klasse!“, Foto: Silke Winkler

Bildungsministerin Birgit Hesse; Foto: Silke Winkler

Bildungsministerin Birgit Hesse spricht im klasse!-Interview über die Weiterentwicklung der gymnasialen Oberstufe, den Unterrichtsausfall und die Umsetzung der Inklusion an den Schulen

klasse!: Frau Hesse, Sie sind nun über ein halbes Jahr Bildungsministerin. Haben Sie sich in Ihrem neuen Amt gut eingelebt?

Ministerin Hesse: Ja, da kann man nicht anders sagen. Ich habe in den vergangenen Monaten viele gute Gespräche mit Lehrerinnen und Lehrern, Eltern, Schülerinnen und Schülern geführt und wichtige Eindrücke vom Schulalltag erhalten. Weitere Impulse erhoffe ich mir von Schulbesuchen, die ich demnächst machen möchte und den Lehrersprechstunden, die ich wieder aufnehmen will. Ich freue mich nach wie vor über meinen neuen Aufgabenbereich, der zu den wichtigsten Politikfeldern gehört. Ich werde mich dafür einsetzen, dass es in Mecklenburg-Vorpommern ein Schulsystem gibt, in dem alle Kinder und Jugendlichen individuell und bestmöglich gefördert werden. Mit mir wird es keine Experimente in der Schulpolitik geben. Ich stehe für Verlässlichkeit und Kontinuität. Das heißt aber nicht, dass wir alles so weiter machen wie bisher, sondern es ist ein Bekenntnis, nicht an Strukturen herumzubasteln und ein Versprechen, inhaltliche Verbesserungen vorzunehmen.

Sie haben angekündigt, die gymnasiale Oberstufe weiterzuentwickeln. Was genau haben Sie vor?

Mecklenburg-Vorpommern setzt sich in der Kultusministerkonferenz für ein bundesweit vergleichbares Abitur ein und hat dafür bereits wegweisende Vereinbarungen zwischen den Ländern erreicht. Diese Beschlüsse müssen wir nun umsetzen. In diesem Zusammenhang wollen wir das Abitur auch inhaltlich weiterentwickeln. So werden wir die Zahl der Hauptfächer von sechs auf höchstens vier begrenzen. Gleichzeitig soll künftig mindestens in den Unterrichtsfächern Deutsch, Englisch und Mathematik differenziert nach erhöhtem und grundlegendem Anforderungsniveau unterrichtet werden. Damit wird eine verbesserte Förderung der Schülerinnen und Schüler ermöglicht. Ich verspreche mir davon gleichzeitig auch eine Entlastung der Schülerinnen und Schüler. An der grundsätzlichen Belegungsverpflichtung sowie an der Gesamtstundenzahl für Gymnasiastinnen und Gymnasiasten können wir nicht rütteln, weil unser Abitur ansonsten nicht mehr anerkannt würde. Unser Ziel ist es, dass vom Schuljahr 2019/2020 an nach den neuen Vorgaben unterrichtet wird. Wie genau die Weiterentwicklung aussehen wird, müssen wir jetzt klären. Eine Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren wird es aber nicht geben.

Wie kommt der Ausbau der Ganztagsschulen voran?

Zum Schuljahr 2017/2018 entwickeln sich vier offene zu gebundenen bzw. teilweise gebundenen Ganztagsschulen weiter. Eine weitere Grundschule nimmt die Arbeit als volle Halbtagsgrundschule auf. Das Ziel der Landesregierung ist es, in dieser Wahlperiode bis zu 10.000 zusätzliche Ganztagsplätze für Schülerinnen und Schüler zu schaffen und die Qualität der Ganztagsangebote zu steigern. Im Schuljahr 2016/2017 stehen jährlich über 26 Millionen Euro für Ganztagsschulen und volle Halbtagsgrundschulen bereit. Ganztägiges Lernen betrachte ich als große Chance. Gerade gebundene Ganztagsschulen können Bildungs- und Freizeitangebote flexibler gestalten. Für Schülerinnen und Schüler auf dem Land sind sie wichtig, weil sie nachmittags nicht alleine zu Hause sitzen. Als Sportministerin will ich mich auch dafür einsetzen, dass die Arbeit von Sportverbänden und -vereinen in vollen Halbtagsgrundschulen und Ganztagsschulen stärker verankert wird.  

Neue Ganztagsschulen im Schuljahr 2017/2018

Staatliches Schulamt Greifswald:

  • Regionale   Schule mit Grundschule  Garz
    Errichtung einer vollen Halbtagsgrundschule an der   Grundschule
  • Sonderpädagogisches Förderzentrum Grimmen – Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen
    Errichtung   einer gebundenen Ganztagsschule
  • Kooperative   Gesamtschule Barth
    Offene Ganztagsschule wird gebundene Ganztagsschule

Staatliches Schulamt Neubrandenburg:

  • Albert-Einstein-Gymnasium Neubrandenburg
    Offene Ganztagsschule wird gebundene Ganztagsschule
  • Gotthold-Ephraim-Lessing-Gymnasium Neubrandenburg
    Errichtung einer teilweise gebundenen Ganztagsschule

Eltern beklagen, dass an den Schulen zu viel Unterricht ausfällt. Was wollen Sie dagegen unternehmen?

Ich habe großes Verständnis dafür, dass Eltern unzufrieden sind, wenn Stunden ausfallen. Auch mich stört, wenn an der Grundschule meiner Tochter Unterricht nicht stattfinden kann. Grundsätzlich ist es so, dass der originäre Unterrichtsausfall im vergangenen Schuljahr nicht gestiegen ist. Darüber bin ich sehr froh. An den allgemein bildenden Schulen sind zwei Prozent der Stunden ausgefallen, die nicht vertreten werden konnten. Dies ist der niedrigste Anteil an originär ausgefallenen Unterrichtsstunden seit Beginn der Erhebung. Auch an den beruflichen Schulen ist der Unterricht nahezu auf dem Niveau des Vorjahres geblieben. 5,9 Prozent Ausfall sind zwar immer noch zu viel. Aber an den beruflichen Schulen ist es noch komplexer einen geeigneten Fachlehrer zu finden, wenn sich morgens plötzlich ein Lehrer krankmeldet.

Die Inklusion ist für die Schulen eine große Herausforderung. Eltern sorgen sich, dass die Beschulung von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf in Regelschulen nicht gelingen könnte. Was entgegnen Sie darauf?

Der Landtag hat im vergangenen Jahr ein Inklusionskonzept für das Bildungssystem beschlossen, das über Wahlperioden gelten soll. Daran halten wir fest. Wir gehen gemeinsam verabredete Wege weiter. Die Umsetzung erfolgt Schritt für Schritt und mit Augenmaß. Für Kinder mit ausgeprägten Verhaltensauffälligkeiten müssen wir eine andere Lösung für die Beschulung finden. Kinder, die beißen oder kratzen, können den Klassenverband sprengen und Lehrerinnen und Lehrer überfordern. Regelunterricht wäre dann nicht mehr möglich. Ich bin eine absolute Verfechterin der Inklusion. Aber sie hat auch Grenzen. Behinderte Kinder können eine Bereicherung für eine reguläre Klasse sein. Im Bereich von Seh- oder Hörbehinderungen gibt es jedoch Formen, die eine inklusive Bildung unmöglich machen.

Quelle: Schulmagazin „klasse!“, Ausgabe 2017/2018