Fachtagung

M-V Fachtagung zur psychosozialen Prozessbegleitung

Eindrucksvoll hat Richard Oetker vom 14. Dezember 1976 erzählt, von dem Tag seiner Entführung. Als 1,94 Meter großer Student sei er in eine kleine Kiste gezwängt worden. Er erzählte, dass ihm jede Minute wie eine Stunde vorkam. Richard Oetker erinnerte sich daran, dass er seinen Entführer Checker nannte. Der Saal in der Landesvertretung von M-V in Berlin war respektvoll still, als Richard Oetker über sein Schicksal sprach. Viele der knapp 200 Besucher der Fachkonferenz „Zeugen-Mut statt Opfer-Angst“ hörten die Leidensgeschichte vom Un-ternehmer-Sohn selbst zum ersten Mal. Die Geschichte klang auch nach fast 40 Jahren grausam wie am ersten Tag. Nach der Löse-geldübergabe habe der Entführer ihn wie verabredet freigelassen. Freigelassen bedeutete aber in dem Fall in der Kiste im Kofferraum eines Autos irgendwo in ei-nem Wald zurück gelassen.

Für Richard Oetker war mit seiner wiedergewonnenen Freiheit jedoch das Leben noch nicht wiedergewonnen. Die Entführung hätte ihn fast das Leben gekostet, mit Spätfolgen kämpft er noch heute. Doch er dachte nie nur an sich. Er sei nur Primäropfer gewesen, seine Familie das Sekundäropfer. Niemand habe es über die Lippen gebracht, mit ihm über die Entführung offen zu sprechen, Fragen zu stellen. Niemand habe seine Familie an die Hand genommen. Auch der Zeugengang vor Gericht sei alles andere als leicht gewesen. Eine Prozessbegleitung hätte er sich gewünscht, die ihn auf alles vorbereitet. Dann hätte er verstanden, warum Ver-teidiger bewusst der Presse falsche Informationen ge-steckt hatten. Er hätte dann wohl auch vorab gewusst, dass der Richter ihn als Zeugen und Opfer regelrecht „auseinandernehmen“ wür-de, sagte er heute.

Es handelte sich um einen Indizienprozess. Die Medien stellten das Gefängnisurteil als Fehlurteil hin. Viele hätten ihm nicht geglaubt. Dazu kam noch, dass der Täter selbst im Gefängnis seine Unschuld beteuert hätte. Viele Jahre lang sei Richard Oetker beschuldigt worden, einen unschuldigen Menschen ins Gefängnis gebracht zu haben. Dass doch der richtige Entführer im Gefängnis saß, wurde erst lange nach der Freilassung in den 90ern klar als der Entführer beim Versuch, das Lösegeld in Großbritannien zu waschen, verhaftet worden war.

Berührt war der Saal auch von Susanne Preusker, die auf den Tag genau fünf Jahre zuvor in der JVA Straubing missbraucht wor-den war. Dort hatte sie bis zum 7. April 2009 als Gefängnispsychologin ge-arbeitet, als sie von einem Inhaftierten als Geisel genommen und vergewal-tigt wurde. Mit Schrecken erinnerte sie sich an die Zeit der Hauptverhandlung. „Als der Angeklagte hereinkam war das ein Moment, in dem ich dachte, der Boden unter mir geht auf.“ Sie sei standhaft geblieben. Er dagegen habe wegge-schaut. Vorbereitet auf den Prozess habe sie ihr Mann. Mehr Opferbetreuung habe es nicht gegeben. „Es war niemand vor oder nach dem Prozess für uns da. Nicht mal einer, der fragt, ob wir einen Kaffee wollen, ob mein Sohn Hilfe braucht“, erzählte Susanne Preusker in Berlin. Ihr Sohn war 17. Das, was er sich in der Verhandlung über diese Tat anhören musste, hätte sie ihm als Mutter lieber erspart. Auch Susanne Preusker plädierte für einen Anspruch auf psychosoziale Prozessbegleitung.

Justizministerin Kuder zog ein positives Fazit: „Es wurde auf unserer Tagung deutlich, dass die psycho-soziale Prozessbegleitung nicht nur Kindern und Jugendlichen angeboten werden sollte, sondern auch Erwachsenen. Das sehe ich auch so. Doch sollten wir erst einen gesetzlich festgeschriebe-nen Anspruch für junge Opfer angehen.“ Zur Fachtagung kamen 200 Gäste aus Justiz, Opferhilfe und Politik aus Deutschland und Österreich.

BEISPIEL FÜR FALL PSYCHOSOZIALE PROZESSBEGLEITUNG

6-jährige Doris selbstbewusst zum Peiniger: „Du lügst“

Doris* lebt mit ihrer Mutter in einem Dorf idyllisch am See. Eines Tages kam die 6-jährige weinend nach Hause. Ein Mann, ein Nachbar, hatte Doris erneut sexuell missbraucht. Das tat er schon ein halbes Jahr lang, und Doris hatte Angst, sich zu offenbaren. Der Mann hatte ihr schließlich verboten, etwas zu erzählen. Doch an jenem Tag brach es aus dem Kind heraus. Die Mutter rang nach Fassung, schaltete die Polizei ein. Für Doris begann eine neue schwere Zeit. Den Horror durchlebte sie ein zweites, ein drittes Mal, immer wenn sie davon erzählen sollte. Der Nachbar kam in U-Haft. Die Polizei riet der Mutter zu einer psychosozialen Prozessbegleitung als Hilfe für Doris, damit sie alles, was kommen wird, versteht und übersteht. Am selben Tag saß die Mutter bei einer Spezial-Sozialpädagogin und erfuhr, wie das Verfahren abläuft, was ihre Rolle sein wird und wurde dazu ermutigt, einen Nebenklageanwalt zu finden.

Die Prozessbegleiterin lernte bald auch die Tochter kennen. Beide verstanden sich sofort. Sie war fortan an der Seite des Mädchens. Da war zum Beispiel die Angst davor, in der Schule gehänselt zu werden, denn der Fall war mittlerweile das Dorfgespräch. Auch die Angst davor, der böse Nachbar aus der U-Haft könnte fliehen, wurde von der Prozessbegleiterin behutsam zerstreut. Doris verstand sogar, dass die Situation zu Hause angespannt war. Alle Termine wurden vorbereitet und erklärt, wie der Besuch bei der Gutachterin, vor der sie erneut über den sexuellen Missbrauch berichten sollte.

Der wichtigste und emotionalste Tag stand aber noch bevor. Das Wiedersehen mit dem Nachbarn im Gericht. Kurz vor der Hauptverhandlung zeigte die psychosoziale Prozessbegleiterin dem Mädchen den Gerichtssaal und erklärte alles über die Verhandlung. Die 6-Jährige traf den Vorsitzenden Richter. Das war wichtig, denn so ein Mann, der davon sprach, dass er nur die Wahrheit hören wolle, wirkte auf Doris zunächst bedrohlich. Doch zeigte sich bereits die stetig wachsende Stärke. Am Tag der Hauptverhandlung holte die Prozessbegleiterin die Familie von zu Hause ab. Die kleinen Finger fest in die Hand der Prozessbegleiterin gegraben, betraten sie den Saal und gingen zu ihren Stühlen. Zwischen dem Angeklagten und Doris saß die Prozessbegleiterin. Nach tapferen 90 Minuten stand Doris plötzlich auf und fragte den Richter, ob sie noch etwas sagen dürfe. Der Richter nickte. Selbstbewusst trat sie vor den Nachbarn, hob den Zeigefinger und sagte ihm ins Gesicht: "Du lügst. Es war so, wie ich es gesagt habe. Mach das nie wieder." Drei Verhandlungstage später lautete das Urteil: Gefängnis. Der Prozess war geschafft, doch die Alpträume, das Getratsche im Dorf und ihre Panikattacken hielten an. Die Prozessbegleiterin half erneut und vermittelte eine Therapie. Doris weiß, sie kann sie jederzeit fragen.

*Name geändert. Den Fall spielte sich so in M-V tatsächlich ab.

Publikationen und Dokumente

Publikationen

Fachtagung: Psychosoziale Prozessbegleitung "Zeugen-Mut statt Opfer-Angst"

In Mecklenburg-Vorpommern ist das Projekt „Psychosoziale Prozessbegleitung“ aus dem Jahr 2010 im Jahr 2014 zu einem landesweit ausgebauten Angebot geworden. Vier speziell qualifizierte Prozessbegleiterinnen betreuen Kinder und Jugendliche, die durch sexuelle oder körperliche Gewalt verletzt wurden. Auf einer Fachtagung im April 2014, dem Jahr des Vorsitzes Mecklenburg-Vorpommerns der Justizministerkonferenz, wurden Erfahrungen ausgetauscht. Hier finden Sie den Tagungsband als pdf.

Broschüre - Das Betreuungsrecht

Ausführliche Informationen zur Vorsorgevollmacht

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Psychosoziale Prozessbegleitung

bei Gewalt gegen Kinder und Jugendliche

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Ehrenamt in der Justiz

Ehrenamt in der Justiz

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Informationen Nachbarrecht

Schlichten statt richten

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