Backhaus besucht Unfallstelle am Kreidefelsen: „Ein gutes Foto ist ein Menschenleben nicht wert!“

Nr.156/17  | 08.05.2017  | LM  | Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt

Vor dem Hintergrund des tödlichen Unfalls einer Touristin am 22. April 2017 an der Kreideküste im Nationalpark Jasmund traf sich der Minister für Landwirtschaft und Umwelt Dr. Till Backhaus heute mit Journalisten, um vor Ort über die Gefahren der Kreideküste und Möglichkeiten eines sicheren Naturerlebnisses zu informieren.

„Zunächst einmal möchte ich den Angehörigen mein Beileid aussprechen. Schicksalsschläge dieser Art sind schwer zu verkraften und nicht zu begreifen. Umso wichtiger ist es, dass wir uns heute hier versammelt haben, damit sich so etwas nicht wiederholt und die einzigartige Landschaft trotz allem erlebbar bleibt“, hob Minister Backhaus hervor.

Der Jasmund ist mit einer Fläche von 3.070 Hektar der kleinste Nationalpark Deutschlands. In weiten zusammenhängenden Buchenwäldern sind mehr als 100 Moore, zahlreiche Bäche und Quellen eingebettet. Das Motto „Natur Natur sein lassen“ gilt dort genauso wie an der Kreideküste und den vorgelagerten Strand- und Ostseebereichen. Im Jahr 2011 erkannte die UNESCO die besonders wertvollen Buchenwälder im Herzen des Nationalparks als UNESCO-Weltnaturerbe an, gemeinsam mit den wertvollsten Buchenwäldern Deutschlands und der Karpaten.

Dass die berühmten Kreidefelsen so weiß strahlen, hat einen wichtigen Grund. Die Küste befindet sich dort in ständiger Dynamik, Teile der Felsen rutschen immer wieder ab. Wasser, Wind, Wellen und Frost sind die Baumeister dieser bis zu 118 Metern aufragenden Kreidefelsen. „Diese Dynamik ungebremster Naturprozesse ist in Nationalparks gewollt und geschützt. Gleichzeitig sollen die Menschen die Naturschönheiten dieser besonderen Wildnis erleben dürfen“, so der Umweltminister.

Der Hochuferweg zählt zu den schönsten Wanderwegen Deutschlands und ermöglicht das Erlebnis Kreideküste auf einer Länge von etwa 12 Kilometern. Immer wieder werden Blicke auf das Küstenpanorama frei.

Der jährliche mittlere Küstenrückgang von Jasmund beträgt ca. 25cm. Seit Jahrtausenden ist die Küste den natürlichen Veränderungen ausgesetzt. Infolge des ständigen Küstenrückgangs und Küstenzerfalls besteht daher immer die Gefahr von Kliffabbrüchen und Hangrutschungen. „Bei Sturmfluten mit hohen Wasserständen kann es zur Unterspülung des Hangfußes kommen, wodurch das Kliff instabil wird. Aber auch Perioden mit starken Niederschlägen und Frost-Tau-Wechseln sowie eine rasche Schneeschmelze bewirken häufig die plötzliche Verlagerung von Gesteinsmassen. Seltener sind Materialabstürze im Sommer durch Austrocknung bedingt. Kliffabbrüche können einen Aufenthalt im Bereich des Steilufers lebensgefährlich machen“, macht der Minister die Gefahrenlage deutlich.

Besondere Vorsicht ist bei schmalen Strandabschnitten mit steilen oder überhängenden Kliffs geboten! Hervorstehende Gesteinsblöcke und geneigte Bäume mit frei liegenden Wurzeln sind erste Anzeichen für Kliffinstabilität. An steilen bzw. unterspülten Kliffs mit Brandungshöhlen oder entlang von Rissen und Spalten ist infolge der Schwerkraft stets mit Blockstürzen zu rechnen. Wasseraustritte am Steilufer in Bereichen mit stark verformten Gesteinsschichten führen ebenfalls zur Verminderung der Standfestigkeit und sind oft Auslöser von Rutschungen.

Weiterhin ist zu beachten, dass es im Winter infolge von Frostsprengung zur Auflockerung des Gesteinsverbandes und zu Steinschlägen kommt.

Der Geologische Dienst führt seit 2006 ein Geogefahrenkataster zur Erfassung des Rutschungsinventars durch. An der Steilküste von Jasmund wurden bisher zirka 300 Rutschungsereignisse nachgewiesen. „Das macht sehr deutlich wie aktiv die Natur hier ist“, betont Umweltminister Backhaus.

Zu den Kliffabschnitten mit einer hohen Ereignisdichte gehört das Gebiet zwischen den Wissower Klinken und Tipper Ort, das Kieler und Kollicker Ufer, sowie das Kliff am Stubbenhörn.

„Wenn Abbrüche die Sicherheit des Weges gefährden, wird der Wegeverlauf durch die Mitarbeiter der Nationalparkverwaltung zurückverlegt. Im Nationalpark gilt das Wegegebot. Schilder warnen zusätzlich vor den Gefahren der Steilküste“, erläuterte Dr. Backhaus.

Dennoch gibt es immer wieder Besucher, die trotzdem abseits des Weges zu nahe an die Steilküste herantreten, häufig für ein besonderes Foto. Oft werden alte Wegverläufe nahe der Uferkante begangen und es wird außer Acht gelassen, dass die Kliffkante teilweise unterhöhlt ist.

Sichere Absperrungen lassen sich auf unsicherem Grund nicht errichten und werden zudem ebenfalls von einigen Besuchern ignoriert. Das Spazierengehen am Fuße der Klippen birgt die Gefahr, von herabstürzenden Kreidemassen, großen Steinen oder Bäumen getroffen zu werden. Deshalb wird Wanderern die Route auf dem Hochuferweg empfohlen.

Ein Abstieg zum Strand ist bei Sassnitz und etwa auf der Hälfte des Hochuferweges, am Kieler Bach, möglich.

„Der Nationalpark mit der berühmten Kreideküste soll für die Menschen erlebbar bleiben. Das erfordert einen verantwortungsvollen Umgang der Menschen mit der Natur und auch einen verantwortungsvollen Umgang der Menschen mit sich selbst. Ein gutes Foto ist ein Menschenleben nicht wert. Ich rufe alle dazu auf, die gekennzeichneten Wege zu nutzen und Respekt vor Naturgewalten zu haben“, wendet sich der Minister an alle Gäste und Einheimische des Landes.