Sellering: Kunst kann nur in Selbstbestimmtheit entstehen

Nr.94/2017  | 28.04.2017  | MP  | Ministerpräsident

„Diese Ausstellung macht die Spannung deutlich, in der sich Kunst bewegt hat im Nationalsozialismus: Die Ausstellung ordnet, stellt gegenüber, gibt dem Kontrast Raum, lässt Brüche deutlich werden. Und sie zeigt mit symbolhaften Fotografien, was aus all dem, wofür die Bilder der offiziell akzeptierten Kunst standen, in letzter Konsequenz folgte“, betonte Ministerpräsident Erwin Sellering anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „ARTIGE KUNST – Kunst und Politik im Nationalsozialismus“ in der Kunsthalle in Rostock. 

Über lange Jahre sei eine ernsthafte Debatte über die im Nationalsozialismus akzeptierte Kunst kaum gewagt worden, habe eine öffentliche Konfrontation, was die Ausstellung jetzt „Artige Kunst“ nennt, nicht stattgefunden. Sellering: „Umso wichtiger ist es jetzt, dass in dieser eindringlichen Ausstellung die Selbstenttarnung der einzelnen Werke als artige Verbeugung vor den nationalsozialistischen Machthabern und deren menschenverachtenden Ideologie anschaulich wird.“ 

Dabei vertraue die Ausstellung darauf, dass die mündigen Bürgerinnen und Bürger der heutigen Bundesrepublik Deutschland wissen würden, dass der Idylle, die als Malweise für die Darstellung reinrassiger Arier und ihrer idealisierten Lebensweise quasi vorgegeben war, als Kehrseite Rassenwahn, Hass und Vernichtungswille gegenüberstanden. „Ich finde es wichtig, von dieser Mündigkeit als gegeben auszugehen und nicht in endlose Belehrungen zu verfallen.“ 

Damit verschiebe sich die Diskussion von der allzu bangen Frage, ob einzelne Werke unkritisch seien, zu sehr spannenden kunstgeschichtlichen Fragestellungen: Was macht eine Skulptur, was macht Kunst zu nationalsozialistischer? Wie gehen wir um mit Werken von Malern oder Bildhauern, an deren künstlerischem Rang es wenig Zweifel geben kann, die gleichwohl vom Nationalsozialismus toleriert oder sogar gefeiert worden sind? 

„Ich bin sicher, die Schau wird auch hier in Rostock zur Diskussion anregen – ästhetisch und politisch. Gerade in einer Zeit, in der es wieder verstärkt Kräfte gibt, die sich gegen eine offene, vielfältige Gesellschaft stellen, geht es auch um den Nachweis, dass Kunst von Rang mit dem Anspruch auf Originalität nicht in artiger Verbeugung und Anpassung vor Macht und Ideologie entstehen kann, sondern nur in Selbstbestimmtheit und ohne ideologische Fesseln“, betonte der Regierungschef.