Backhaus legt 10-Punkte-Programm zur Zukunft der Wälder vor

Nr.247/2019  | 24.09.2019  | LM  | Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt

„Der Erhalt unserer Wälder und deren nachhaltige Bewirtschaftung sind der Schlüssel für eine erfolgreiche Klimaschutzpolitik. Deshalb müssen wir und die Frage stellen, wie die Wälder von morgen aussehen sollen, um auch künftig die vielfältigen Leistungen zu erbringen. Denn wir stehen jetzt in der Verantwortung, unseren Kindern eine gute Zukunft zu bereiten“, sagte Mecklenburg-Vorpommerns Forstminister Dr. Till Backhaus anlässlich des morgen (25.09.2019) in Berlin stattfindenden Waldgipfels von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner.

Auf Initiative von Minister Backhaus hat das Land Mecklenburg-Vorpommern in den vergangenen Wochen ein eigenes 10-Punkte-Programm mit zentralen Forderungen für zukunftsfähige Wälder in Mecklenburg-Vorpommern und bundesweit erarbeitet. Dieses sieht unter andere eine Soforthilfe zur Bewältigung enormer Waldschäden für alle Waldbesitzarten (Privat-, Kommunal- und Landeswald), die Erhöhung der Waldfläche in ganz Deutschland, den Umbau hin zu standortangepassten und klimastabilen Wäldern sowie die Förderung der forstwissenschaftlichen Grundlagenforschung vor.

Deutschlandweit fielen in 2018 35 Millionen Festmeter Schadholz an. Allein im Landeswald M-V mussten in 2018 380.000 Festmeter Holz aufgrund von Schädigungen durch extreme Wetterbedingungen oder Schädlingsbefall außerplanmäßig geerntet werden. Bereits 1998 hat M-V deshalb damit begonnen, die heimischen Wälder klimastabil umzubauen. Seitdem sind durchschnittlich jedes Jahr Bestände von rund 800 ha in stabile Mischwälder überführt worden. „Im Ergebnis unserer Bemühungen hat sich der Laubwaldanteil zwischen 2002 und 2012 um drei Prozent auf derzeit 50% erhöht“, unterstrich Backhaus.

Mit Blick auf den Waldgipfel sagte er: „Eigentlich hatte ich in Berlin auf einen Austausch der besten Ideen zwischen Bund und Länder gehofft, mit dem Ziel eine bundesweit einheitliche Strategie zu entwickeln, mit der wir den Herausforderungen des Klimawandels begegnen können. Inzwischen ist klar, dass Frau Klöckner auf dem Waldgipfel allein ihre Sicht der Dinge darlegen wird. Eine koordinierte Abstimmung mit den Ländern hat es wieder nicht gegeben. Überhaupt stellt sich die Frage, wie das jetzige Programm des Waldgipfels zu den großen Ankündigungen der Bundesministerin passt. Und: wozu treffen sich eigentlich ab morgen die Minister von Bund und Ländern in Mainz in bewährtem Format der Agrarministerkonferenz? Für den Moment mag Frau Klöckner mit ihrem Aktionismus glänzen, ob ihre Vorstellungen durchtragen, bleibt abzuwarten. Für den Wald und die Forstwirtschaft kann man sich das nur wünschen.“

Insbesondere bei der Verbesserung des Waldbrand- und Flächenbrandschutzes auf munitionsbelasteten Flächen sei Mecklenburg-Vorpommern nicht zuletzt durch die jüngsten Erfahrungen aus dem bislang größten Waldbrandgeschehens der Landesgeschichte im Sommer 2019 in Lübtheen ein kompetenter Ansprechpartner, so Backhaus. Er fordert vom Bund finanzielle und organisatorische Unterstützung bei der Sondierung und Beräumung kampfmittelbelasteter Waldflächen und bei der Einrichtung eines Waldbrandkompetenzzentrums für Mecklenburg-Vorpommern.

„In meinen Augen sollte jedes Bundesland über ein solches Kompetenzzentrum verfügen. Im Ernstfall, aber auch beim vorbeugenden Waldbrandschutz, kommt es darauf an, dass alle Kompetenzen und neueste wissenschaftliche Erkenntnisse gebündelt abgerufen werden können“, führte Minister Backhaus aus. Ebenso wichtig sei es, die Aus- und Fortbildung zu stärken. Auch diese Aufgabe könne federführend durch ein Kompetenzzentrum übernommen werden. Allein in 2019 kam es in Mecklenburg-Vorpommern bislang zu 66 Waldbränden mit einer Ausdehnung von fast 1.000 Hektar. Die durchschnittliche Größe je Brand beläuft sich derzeit auf rund15 Hektar. 2018 waren es insgesamt 87 Brände auf einer Fläche von knapp 30 Hektar.

Auch möchte Minister Backhaus mit seinem 10-Punkte-Programm die Ökosystemleistungen der Wälder stärker in den Fokus rücken: „Wälder produzieren Sauerstoff, reinigen Luft und Wasser, schützen vor Lärm und Erosion; sie sind wichtiger Lebens- und Rückzugsraum für Flora und Fauna und fördern die Gesundheit. An der Küste sind sie wichtige Bestandteile zum Schutz vor Sturmfluten.“ Mit der Bereitstellung von land- und forstwirtschaftlichen Flächen, die bundeseigenen Gesellschaften gehören, könne der Bund den Länder bei Umsetzung von Maßnahmen des Klima-, Wasser- und Naturschutzes sowie der Wasserrahmenrichtlinie maßgeblich helfen.

Der Beitrag der deutschen Forst- und Holzwirtschaft zum Klimaschutz beträgt derzeit etwa 127 Mio. Tonnen CO2/Jahr (2014). Das entspricht14 % der gesamten deutschen Treibhausgas-Emissionen. Dieser Kohlenstoffeffekt von Wald und Holz ergibt sich aus 58 Mio. Tonnen CO2/Jahr Waldspeicher, 30 Mio. Tonnen CO2/Jahr stoffliche Substitution, 36 Mio. Tonnen CO2/Jahr energetische Substitution und 3 Mio. Tonnen CO2/Jahr Holzproduktspeicher. „An diesen Zahlen lässt sich erkennen, dass nicht nur die Waldmehrung, sondern auch die stoffliche Substitution durch Holzprodukte eine erhebliche Rolle spielt – zum Beispiel verstärkter Gebäudebau mit Holzprodukten, um damit stark klimabelastende Beton- und Stahlprodukte zu ersetzen“, erklärte Backhaus.

 

Das 10-Punkte-Programm im Überblick

1. Soforthilfe zur Bewältigung der enormen Waldschäden

 

Der Waldbesitz steht angesichts des enormen Schadensausmaßes vor erheblichen betrieblichen Herausforderungen. Aufgrund der langfristigen Bewirtschaftungszeiträume kann eine mangelnde Liquidität zur existenziellen Bedrohung werden. Aus diesem Grund muss den Waldbesitzern schnelle und unbürokratische Soforthilfe gewährt werden. 

Forderungen

  • Einrichtung eines Soforthilfefonds Wald für alle Waldbesitzarten, denn es gilt den Wald und seine Funktionen zu erhalten unabhängig ob Privat-, Kommunal- oder Landeswald.
  • Einrichtung einer zentralen Wald-Beratungsstelle beim Kompetenz- und Informationszentrum Wald und Holz, an die sich insbesondere kommunale und kleine Privatwaldbesitzer (Vermittlung von Beratung, Dienstleistern, Forstbetrieblichen Zusammenschlüssen, etc.) wenden können.
  • Schaffung von Flexibilität/Vereinfachung von Förderinstrumenten

 

2. Wälder weiter standortangepasst und klimastabil umbauen

 

Unsere Wälder müssen sich an die klimatischen Veränderungen anpassen. Die Waldumbauprogramme in den deutschen Ländern müssen konsequent darauf ausgerichtet und fortgesetzt werden. Die dafür erforderlichen Ressourcen müssen durch Bund und Länder bereitgestellt werden. Zugleich bedarf es einer Stärkung der forstwissenschaftlichen Grundlagenforschung sowie eine intensive Förderung angewandter Forschung, zum Beispiel zur Erweiterung des klimaangepassten Baumartenspektrums. 

Forderungen

  • Aufstockung der Mittel für den Waldklimafonds zur Finanzierung von Grundlagen- und angewandter Forschung
  • Übertragung nicht verausgabter GAK-Mittel in die Finanzierung des Waldumbaus
  • Erweiterung der Waldstrategie 2020 zur Waldstrategie 2050 unter Berücksichtigung klimapolitischer Zielstellungen

 

3. Erhöhung der Waldfläche in Deutschland

 

Rund ein Drittel der Landfläche in Deutschland ist bewaldet. Durch die nachhaltige Bewirtschaftung dieser Wälder und die Produktion langlebiger Holzprodukte beträgt der Beitrag der deutschen Forst- und Holzwirtschaft zum Klimaschutz 127 Mio. t CO2/Jahr, was 14 % der gesamten deutschen THG-Emission von 903 Mio. t CO2-Äquivalent entspricht. Um diesen Wert zu erhöhen, bedarf es einer deutlichen Erhöhung der Waldfläche in Deutschland. Zugleich hat dies positive Effekte auf Biodiversität und Wertschöpfung, besonders im strukturschwachen ländlichen Raum. 

Forderungen

  • Neuwald-Initiative: Anreizprogramm für Erstaufforstungen

 

4. Verbesserung des Waldbrand- und Flächenbrandschutzes und Beräumung munitionsbelasteter Waldflächen

 

Angesichts der sich verändernden klimatischen Bedingungen ist davon auszugehen, dass großflächige Waldbrände besonders in munitionsbelasteten Gebieten zu erheblicher Waldzerstörung und Freisetzung klimaschädlicher Treibhausgase führen. 

Forderungen

  • Unterstützung des Landes Mecklenburg-Vorpommern bei der Einrichtung eines Waldbrand-Kompetenzzentrums
  • Finanzielle und organisatorische Unterstützung der Länder durch den Bund bei der Sondierung, Beräumung und Entsorgung von Kampfmitteln
  • Bereitstellung von finanziellen und technischen Ressourcen durch den Bund zur Prävention und Bekämpfung von Wald- und Feldbränden auf munitionsbelasteten Flächen

 

5. Strategie zur Stärkung von Ökosystemdienstleistungen in Wäldern

 

Neben der Produktion des nachwachsenden Rohstoffes Holz erbringen Waldökosysteme vielfältige wichtige Leistungen, zum Beispiel die Bereitstellung reiner Luft und sauberen Trinkwassers.  

Forderungen

  • Entlastung der Waldeigentümer von Abgaben und finanzieller Ausgleich durch staatliche Mittel

 

6. Förderung der Verwendung des Rohstoffes Holz

 

Holz ist einer der wichtigsten nachwachsenden Rohstoffe, der sowohl stofflich als auch energetisch verwendet werden kann. Im Bereich des Holzproduktespeichers beträgt der Klimaschutzeffekt ca. 3 Mio. t CO2/Jahr, im Bereich der stofflichen Substitution 30 Mio. t CO2/Jahr sowie im Bereich der energetischen Substitution 36 Mio. t CO2/Jahr. Die Holzbauquote beträgt im Wohnungsbaubereich deutschlandweit 17,8 % (2018). Eine Erhöhung der Holzbauquote ist mit enormen Klimaschutzeffekten verbunden. 

Forderungen

  • Konsequente Umsetzung der Charta für Holz 2.0
  • Initiierung einer Holzbau-Kampagne mit dem Ziel einer Verdoppelung der Holzbauquote in den nächsten 15 Jahren
  • Vorzug der Verwendung des Rohstoffes Holz bei Baumaßnahmen durch die öffentliche Hand (Festlegung einer Holzbauquote für das öffentliche Bauen)
  • Forcierung des Abbaus von Hemmnissen für den Holzbau durch Überprüfung und Anpassung baurechtlicher Vorschriften auf Bundes- und Länderebene
  • Schaffung von Anreizprogramme für das Bauen mit Holz (z.B. in Anlehnung an den „CO2-Bonus“ der Stadt München oder einer gezielten KfW-Bauförderung)
  • Einrichtung eines Sonderforschungsbereiches Holz zur Entwicklung innovativer Holzprodukte

 

7. Übertragung der BVVG-Flächen an die Länder

 

Durch die Bereitstellung von land- und forstwirtschaftlichen Flächen, die bundeseigenen Gesellschaften gehören, kann der Bund eine wesentliche Unterstützung der Länder in der der Umsetzung von Maßnahmen des Klima-, Wasser- und Naturschutzes sowie der Wasserrahmenrichtlinie leisten. Hemmnis für zahlreiche Maßnahmen ist die begrenzte Flächenverfügbarkeit.

 

8. Waldangepasste Wildbestände

 

Die Wiederbewaldung und Regeneration geschädigter Flächen wird wesentlich durch Naturverjüngung erfolgen müssen. Für eine erfolgreiche Entwicklung ist ein angepasster Wildbestand notwendig. In Nennenswertem Umfang orientiert sich die Wildbewirtschaftung vorrangig an jagdlichen Interessen.

 

9. Stärkung des europäischen und internationalen Waldregimes

 

Klimawandel und Walderhalt sind eine globale Herausforderung. Insofern ist es folgerichtig, dass insbesondere auf Ebene der Europäischen Union ein Rechtsrahmen gesetzt wird, der zum einen multifunktionale Entwicklung der Wälder und der Forstwirtschaft unterstützt und zum anderen leistungsbezogene Transferzahlungen in Anlehnung an die EU-Zielsetzung einer klima- und umweltbewussten Bioökonomie ermöglicht. 

Forderungen

  • Anpassung des Vertrags von Lissabon mit dem Ziel einer gemeinsamen EU-Forstpolitik
  • Berücksichtigung der aktuellen Herausforderungen bei der Ausgestaltung des mehrjährigen Finanzrahmens
  • Deutliche Erhöhung der Mittel für die bilaterale Zusammenarbeit mit Drittstaaten auf dem Gebiet der Forstwirtschaft

 

 10. Versachlichung der öffentlichen Debatte

 

Das Thema Wald und Forstwirtschaft wird sehr kontrovers und häufig auf emotionaler Ebene diskutiert. Dies unterstreicht die wichtige gesellschaftliche Bedeutung. Angesichts der erheblichen ökonomischen Leistungen des Waldes, insbesondere bei der Bereitstellung des nachwachsenden Rohstoffes Holz, der besonderen Verantwortung einer nachhaltigen Forstwirtschaft im Klima- und Naturschutz und auch der nicht unwesentlichen sozialen Funktion (z.B. als Arbeitgeber insbesondere im ländlichen Raum) ist es erforderlich, die Diskussion um die Entwicklung des Waldes und der Forstwirtschaft differenziert zu diskutieren. Vielmehr muss der Komplexität wissensbasiert Rechnung getragen werden. 

Forderungen

  • Ausbau der Kampagnen zur Anerkennung der Forstwirtschaft in Deutschland
  • Fortlaufender politischer Dialog mit den Wald und Forstwirtschaft verbundenen Akteuren
  • Stärkere Integration der Vertreter der Forstwirtschaft in mit dem Wald verbundene politische Prozesse