Backhaus: Arten brauchen Daten

Nr.178/2026  | 11.06.2026  | LM  | Ministerium für Klimaschutz, Landwirtschaft, ländliche Räume und Umwelt

 

Anlässlich des fünften Naturschutzsymposiums des Landes MV in Güstrow erläutert Umwelt- und Agrarminister Dr. Till Backhaus die Bedeutung belastbarer Daten für die Biodiversität:

„Wir können nur schützen, was wir kennen. Wir können Bestandsrückgänge nur erkennen, wenn wir sie erfassen. Wir können Lebensräume nur entwickeln, wenn wir ihren Zustand kennen. Und wir können die Wirksamkeit unserer Maßnahmen nur beurteilen, wenn wir über belastbare Daten verfügen. Naturschutz braucht deshalb nicht nur Engagement, Fachwissen und politische Unterstützung. Naturschutz braucht vor allem eine solide Wissensgrundlage“, so Backhaus, der ergänzt:

„In MV verfügen wir über eine außergewöhnlich hohe biologische Vielfalt. Von den Küsten- und Meereslebensräumen über Moore, Fließgewässer und Seen bis hin zu großen Waldgebieten und Offenlandschaften unserer Kulturlandschaft reicht ein Naturerbe, das weit über die Landesgrenzen hinaus Bedeutung besitzt. Diese Vielfalt zu erhalten ist eine Dauer­aufgabe. Gleichzeitig stehen wir vor großen Herausforderungen. Der Klimawandel verändert Lebensräume und Artenzusammen­setzungen. Nutzungsansprüche an Flächen nehmen zu. Die Umsetzung der europäischen Biodiversitätsziele und der Wiederherstellungsverordnung stellt neue Anforderungen an die Erfassung und Bewertung unserer Naturgüter. Gerade deshalb gewinnen aktuelle und belastbare Daten immer stärker an Bedeutung.

In behördlichen Artendatenbank MVs sind inzwischen rund 2,3 Mio. Artenbeobachtungen gespeichert. So liegen zum Beispiel 1,16 Mio. Artbeobachtungen zu Vögeln vor, davon ca. 917.400 allein aus den letzten 10 Jahren. Top 1 der häufigsten Beob­achtungen ist der Kranich mit rund 75.300 Beobachtungen. Zum Seeadler gibt es rund 12.000 Datenbankeinträge. Aber zum Beispiel auch Amphibien werden erfasst: Der streng geschützte Moorfrosch – 3005 Einträge, Rotbauchunke – 3203 Einträge, Kammmolch – 2958 Einträge – um nur einige zu nennen.

Diese Daten bilden die Grundlage für naturschutzfachliche Bewertungen, Managementpläne, Genehmigungsverfahren, Schutzgebietsmanagement und zahlreiche Berichtspflichten gegenüber Bund und Europäischer Union. Sie sind damit längst nicht mehr nur wissenschaftliche Informationen. Sie sind eine zentrale Arbeitsgrundlage für Verwaltung, Planung und Politik. Gleichzeitig erleben wir einen deutlichen Wandel der Rahmenbedingungen. Durch Beschleunigungs- und Omnibusverfahren werden ökologische Erfassungen in Genehmigungsprozessen teilweise reduziert oder entfallen ganz. Andererseits steigen die Anforderungen an die Datenbasis kontinuierlich. Die europäische Wiederherstellungsverordnung verlangt künftig deutlich umfassendere Kenntnisse über den Zustand von Lebensräumen und Arten.

Bis 2030 müssen für mindestens 90 % der Lebensraumtypflächen belastbare Zustandsinformationen vorliegen. Bis 2040 soll dies für sämtliche Flächen erreicht werden. Auch bei Biotopen und Ökosystemen steigen die Anforderungen erheblich. Diese Ziele zeigen deutlich: Bedarf an Daten wächst, Anforderungen wachsen, Ressourcen hingegen wachsen leider nicht im gleichen Maße.

Allein für das FFH-Monitoring werden jährlich rund 1,6 Mio. EUR Landesmittel benötigt. Hinzu kommen Fördermittel aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums. Auch das Monitoring nach Vogelschutzrichtlinie erfordert erhebliche finanzielle Anstrengungen. Diese Mittel sind keine Nebensache. Sie sind Voraussetzung dafür, dass wir unsere gesetzlichen Verpflichtungen erfüllen und zugleich fundierte Entscheidungen für den Naturschutz treffen können. Deshalb werden wir uns auch künftig dafür einsetzen, die erforderlichen Monitoring­programme und Datenstrukturen abzusichern.

Die gute Nachricht lautet: MV ruht sich nicht auf dem Erreichten aus. Das LUNG arbeitet kontinuierlich daran, Datenerhebung, Datenhaltung und Datenverfügbarkeit weiterzuentwickeln. Dazu gehören neue Monitoringansätze wie das landesweite Horchboxen-Monitoring ebenso wie innovative eDNA-Verfahren für verschiedene Tiergruppen. Auch die Digitalisierung eröffnet neue Möglichkeiten.

Die Weiterentwicklung der Artendatenbank, die Optimierung von Multibase CS, das geplante Natura-2000-Maßnahmenkataster sowie die Moor-Projektdatenbank sind wichtige Bausteine auf dem Weg zu einer modernen und leistungsfähigen Naturschutz­verwaltung. Besonders hervorheben möchte ich dabei die enge Zusammenarbeit mit Wissenschaftseinrichtungen und Fach­verbänden.

Ein weiterer wichtiger Ansatz liegt aus meiner Sicht darin, vorhandene Datenbestände im Land künftig noch besser zusammenzuführen und nutzbar zu machen. Wir verfügen in vielen Behörden, Institutionen und öffentlichen Einrichtungen bereits über wertvolle naturschutzrelevante Informationen. Diese Daten entstehen im Rahmen von Monitoringprogrammen, Fachplanungen, Infrastrukturvorhaben, Ausgleichsmaßnahmen oder wissenschaftlichen Untersuchungen. Zu oft verbleiben sie jedoch in einzelnen Fachsystemen oder werden nur begrenzt weitergegeben. Mein Ziel ist es deshalb, die Zusammenarbeit bei der Datennutzung weiter zu stärken und die Datenflüsse zwischen den beteiligten Stellen zu verbessern. Dort, wo öffentliche Mittel für Kartierungen, Gutachten oder Erfassungen eingesetzt werden, sollten die gewonnenen Erkenntnisse grundsätzlich auch der zentralen Naturschutzdatenhaltung des Landes zur Verfügung stehen. Damit schaffen wir mehrfachen Nutzen: vermeiden Doppelarbeit, erhöhen Aktualität unserer Datengrundlagen, beschleunigen Verfahren und setzen öffentliche Mittel effizienter ein. Gleichzeitig stärken wir die fachliche Qualität naturschutzfachlicher Bewertungen und schaffen mehr Planungssicherheit für alle Beteiligten. Deshalb werde ich prüfen lassen, wie wir die Datenübermittlung an das Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie künftig noch verbindlicher ausgestalten können. Denkbar sind dabei auch landeseinheitliche Regelungen oder entsprechende Erlasse, die eine bessere Nutzung öffentlich finanzierter Daten für Aufgaben des Naturschutzes ermöglichen.

Bei allen technischen Möglichkeiten dürfen wir eines nicht vergessen: Der größte Schatz unseres Naturschutzes sitzt nicht in den Datenbanken. Es sind die vielen Ehrenamtlichen, die seit Jahrzehnten Arten erfassen, Vogelzählungen durchführen, Fledermäuse kartieren, Pflanzenbestände dokumentieren oder ihre Beobachtungen in Datenbanken einpflegen. Ohne dieses Engagement wäre der Naturschutz in MV in seiner heutigen Qualität nicht denkbar. Dafür möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich danken.“