MV entwickelt neues Ökowertpapier für mehr Artenvielfalt auf dem Acker

Nr.265/2026  | 27.08.2026  | LM  | Ministerium für Klimaschutz, Landwirtschaft, ländliche Räume und Umwelt

 

Mecklenburg-Vorpommern geht neue Wege beim Schutz der biologischen Vielfalt in der Landwirtschaft. Auf Gut Barz in Dahmen wird Klimaschutz- und Landwirtschaftsminister Dr. Till Backhaus heute um 17 Uhr erste Ergebnisse der Pilotphase für die neue „Biodiversitätsdividende – Mehrwert durch Vielfalt“ vorgestellt. Mit dem Biodiversitätszertifikat sollen Landwirtinnen und Landwirte künftig finanziell dafür honoriert werden, wenn sie artenreiche Ackerflächen erhalten und damit Lebensräume für Ackerwildkräuter, Insekten und zahlreiche weitere Arten sichern. Die Markteinführung ist für das Frühjahr 2027 vorgesehen.

„Unsere Landwirtschaft produziert nicht nur Lebensmittel. Landwirtinnen und Landwirte erhalten Landschaften, Böden und Lebensräume – und sie können einen entscheidenden Beitrag zum Erhalt der biologischen Vielfalt leisten. Diese Leistung hat einen Wert. Mit der Biodiversitätsdividende wollen wir genau diesen Wert sichtbar und auch wirtschaftlich nutzbar machen. Naturschutz und Landwirtschaft werden damit nicht gegeneinander ausgespielt. Im Gegenteil: Wir schaffen einen Anreiz, mit biologischer Vielfalt zusätzlich Wertschöpfung auf den Höfen zu ermöglichen“, sagt Backhaus.

Hintergrund ist der starke Rückgang der Ackerwildkräuter, der sogenannten Segetalarten. Kornblume, Mohn, Kamille oder Ackerrittersporn gehörten über Jahrhunderte selbstverständlich zum Bild unserer Kulturlandschaft. Heute stehen deutschlandweit mehr als 35 Prozent der Ackerwildkrautarten auf der Roten Liste, ihre Populationen sind gegenüber den 1950er-Jahren um mehr als 90 Prozent zurückgegangen. Ackerwildkräuter sind zugleich Nahrungsgrundlage und Lebensraum für Insekten, Vögel und Säugetiere und können zur Bodenfruchtbarkeit und Stabilität des Agrarökosystems beitragen.

Die Biodiversitätsdividende setzt deshalb bewusst auf Erfolg statt auf pauschale Vorgaben: Honoriert wird, was nachweisbar auf der Fläche vorhanden ist.

„Wir wollen nicht immer neue Vorschriften machen und den Landwirten erklären, wie sie jeden einzelnen Arbeitsschritt erledigen sollen. Entscheidend ist das Ergebnis. Wenn auf einem Acker nachweislich eine hohe Artenvielfalt vorhanden ist oder besonders seltene Pflanzen vorkommen, dann ist das eine ökologische Leistung. Und genau diese Leistung wollen wir honorieren“, betont Backhaus.

Pilotphase auf 52 Ackerflächen

Das Konzept wurde seit Herbst 2025 gemeinsam vom Landwirtschaftsministerium und der Ökoring GmbH entwickelt und in diesem Sommer erstmals praktisch erprobt. In der Pilotphase wurden auf neun Landwirtschaftsbetrieben an unterschiedlichen Standorten Mecklenburg-Vorpommerns insgesamt 52 Ackerflächen untersucht. Dabei wurden sowohl die Ackerflächen selbst als auch ihre Ränder auf Ackerwildkräuter kartiert.

Für Mecklenburg-Vorpommern wurde dafür eigens eine Liste relevanter Segetalarten entwickelt. Die Erfassung erfolgt nach einem einheitlichen Kartierschema durch geschulte Fachkräfte. Die Pflanzen werden über georeferenzierte Fotos per Smartphone-App dokumentiert. Neben der Artenzahl wird auch berücksichtigt, ob besonders gefährdete Arten der Roten Liste vorkommen. Damit ist nachvollziehbar, auf welcher Fläche welche biologische Leistung tatsächlich erbracht wird.

Die wissenschaftlich ausgerichtete Methodik sieht für die Honorierung klare Schwellen vor: Je nach Kartierungsvariante müssen bestimmte Kennarten oder mindestens eine Rote-Liste-Art nachgewiesen werden. Damit wird nicht die bloße Teilnahme, sondern ein messbares Ergebnis honoriert.

Die bisherigen Ergebnisse der Pilotphase bilden nach Einschätzung des Ministeriums eine tragfähige Grundlage für die Weiterentwicklung bis zur Marktreife. Bis zum Frühjahr 2027 sollen unter anderem die App und das Zertifizierungssystem weiter optimiert werden.

200 bis 400 Euro pro Hektar für nachgewiesene Artenvielfalt

Das geplante Honorierungsmodell sieht je nach Artenreichtum und Schutzstatus der nachgewiesenen Pflanzen eine Vergütung von 200 bis 400 Euro je Hektar vor. Ein Biodiversitätszertifikat soll 30 Euro kosten. Unternehmen, Organisationen, Kommunen sowie Bürgerinnen und Bürger können die Zertifikate erwerben und damit konkrete artenreiche Ackerflächen in Mecklenburg-Vorpommern unterstützen.

Jedes verkaufte Zertifikat soll in einem Register erfasst und einer konkreten Fläche zugeordnet werden. So soll transparent nachvollziehbar sein, wo die mit dem Zertifikat finanzierte Biodiversitätsleistung erbracht wird.

„Wer eine Biodiversitätsdividende erwirbt, investiert nicht in ein abstraktes Versprechen. Das Geld steht für eine konkrete Fläche in Mecklenburg-Vorpommern, auf der biologische Vielfalt nachgewiesen und erhalten wird. Damit bringen wir diejenigen zusammen, die Biodiversität erhalten, und diejenigen, die bereit sind, für diese gesellschaftliche Leistung zu bezahlen“, sagt Backhaus.

Mecklenburg-Vorpommern baut Familie der Ökowertpapiere aus

Mit der Biodiversitätsdividende erweitert Mecklenburg-Vorpommern seine langjährige Strategie marktbasierter Umweltinstrumente. Bereits 2007 wurde die Waldaktie eingeführt. Durch ihren Verkauf konnten bislang mehr als eine Million Euro für Erstaufforstungen mobilisiert werden. Seit 2011 haben MoorFutures und Moor-Ökosponsoring zusätzlich knapp 4,5 Millionen Euro für Wiedervernässungsprojekte eingeworben. Streuobstgenussschein und HeckenScheck steuerten zusammen weitere rund 100.000 Euro bei.

Die Biodiversitätsdividende setzt nun einen neuen Schwerpunkt. Während die bisherigen Ökowertpapiere vor allem Leistungen des natürlichen Klimaschutzes finanzieren, richtet sich das neue Instrument unmittelbar auf den Erhalt der biologischen Vielfalt in der Agrarlandschaft.

„Wir haben in Mecklenburg-Vorpommern früh gezeigt, dass privates Kapital und freiwilliges Engagement einen wichtigen zusätzlichen Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz leisten können. Mehr als 5,5 Millionen Euro haben allein unsere bisherigen Ökowertpapiere mobilisiert. Mit der Biodiversitätsdividende entwickeln wir diesen erfolgreichen Ansatz weiter. Wir machen biologische Vielfalt messbar und geben ihr einen wirtschaftlichen Wert“, sagt Backhaus.

Mit Blick auf knapper werdende öffentliche Mittel seien solche zusätzlichen Finanzierungsinstrumente von wachsender Bedeutung. Staatliche Förderung werde dadurch nicht ersetzt, betonte Backhaus. Vielmehr gehe es darum, zusätzlich privates Kapital für konkrete Umweltleistungen zu mobilisieren und zugleich neue Einkommensmöglichkeiten für landwirtschaftliche Betriebe zu schaffen.

Nach Angaben des Ministeriums ist der Ansatz der Biodiversitätsdividende hinsichtlich seiner inhaltlichen Zielsetzung und methodischen Umsetzung in dieser Form bislang weder auf Bundes- noch auf EU-Ebene beschritten worden.

Backhaus abschließend: „Wir brauchen eine Landwirtschaft, die wirtschaftlich erfolgreich ist und gleichzeitig unsere natürlichen Lebensgrundlagen erhält. Beides gehört zusammen. Mit der Biodiversitätsdividende machen wir aus diesem Grundsatz ein konkretes Angebot: Wer Artenvielfalt auf seinem Acker erhält, soll davon auch wirtschaftlich profitieren können. Wir geben der Vielfalt einen Wert – und den Landwirtinnen und Landwirten eine zusätzliche Möglichkeit, mit ihrer Umweltleistung Einkommen zu erzielen.“