Backhaus: Landwirtschaft steuert im „perfekten Sturm“
Im Vorfeld der 35. Landwirtschaftsmesse MeLa vom 10. bis zum 13. September in Mühlengeez erläutert Agrarminister Dr. Till Backhaus die Herausforderungen für die Agrarbetriebe in Zeiten multidimensionaler Krisen:
„35 Jahre MeLa stehen auch für 35 Jahre leistungsfähige Landwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern. Unsere Landwirtinnen und Landwirte haben in dieser Zeit enorme Veränderungen bewältigt und immer wieder bewiesen, wie verlässlich sie sind. Gerade in den Krisen der vergangenen Jahre haben sie dafür gesorgt, dass Lebensmittel produziert werden und unsere Versorgung funktioniert. Dafür gebührt ihnen Dank und Anerkennung. Die MeLa ist deshalb nicht nur das Schaufenster unserer Landwirtschaft, sondern auch ein Ort, an dem wir sichtbar machen, was diese Branche Tag für Tag für unser Land leistet“, sagte Landwirtschaftsminister Dr. Till Backhaus.
„Gleichzeitig erlebt die Landwirtschaft in MV, in Deutschland und Europa seit Jahren den perfekten Sturm. Ein Begriff, der aus der Meteorologie entlehnt wurde und manchem leicht über die Zunge geht, ohne die Reichweite wirklich realisiert zu haben. Der Begriff beschreibt im übertragenen Sinne eine Situation, die kaum schlimmer werden könnte. Und trotzdem halten die meisten unserer Betriebe den Herausforderungen stand. Gründe dafür sind ihre Anpassungsfähigkeit, Innovationsfreudigkeit und nicht zuletzt die Unterstützung durch die Landesregierung“, so Klimaschutz- und Agrarminister Backhaus, der ergänzt:
„Der Nordosten Deutschlands scheint weitab von Kriegen, Krisen und Konflikten. Aber Klimawandel und militärische Auseinandersetzungen betreffen uns ebenfalls direkt oder indirekt. Ich bin überzeugt, dass wir als Gesellschaft nur geeint die Herausforderungen bewältigen können, die uns die Gegenwart beschert. Deshalb will ich die Herausforderungen konkret benennen.“
Ernteaussichten:
„Auch in MV haben sich Trockenheit und Hitze auf Ertragshöhe und Qualitäten ausgewirkt. Erste Meldungen zeigen niederschlagsbedingt eine starke Ertragsstreuung bei Getreide. Anders als in anderen Bundesländern wurden in MV aber auf mittleren und besseren Böden durchschnittliche bis gute Erträge erzielt. Besonders positiv sind die Wintergerstenergebnisse, die mit ca. 88,5 dt/ha im Durchschnitt das langjährige Mittel um knapp 10 Prozent übersteigen werden. Bei Raps sind dagegen die Erträge standortübergreifend enttäuschend niedrig und liegen mit ca. 30,0 dt/ha deutlich unter dem langjährigen Mittel. Die hitzebedingte schnelle Abreife bei Winterweizen führte oft zu geringen Hektolitergewichten. Dadurch ist die Einstufung in höhere Qualitätsgruppen gefährdet. Die Futterversorgung hingegen ist in den meisten Betrieben durch gute Wachstums- und Erntebedingungen gesichert.“
Wirtschaftliche Lage:
„Die durchwachsenen Ernteergebnisse treffen auf ein derzeit sehr ungünstiges wirtschaftliches Umfeld (Kombination niedriger Erzeugerpreise und drastisch gestiegener Kosten). Die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten haben Betriebsmittel, insbesondere Treibstoffe und Düngemittel, deutlich verteuert. Die Erzeugerpreise bleiben trotz leichtem Anstieg auf niedrigem Niveau, sodass die Erlöse nicht entsprechend mitziehen. Anstehende Düngereinkäufe werden teils drastisch reduziert. Die Milchpreise liegen aktuell rund 25 % unter dem Vorjahresniveau und haben damit den tiefsten Stand der letzten vier Jahre erreicht. Das zuletzt ausgewertete Wirtschaftsjahr 2024 lag bereits unter dem mehrjährigen Durchschnitt. Legt man diesem Abschluss die aktuellen Preise zugrunde, ergäbe sich im Vergleich zu 2024 ein nochmals um etwa 300 €/ha LF niedrigeres Ergebnis, beziehungsweise fast 33.000 € je Arbeitskraft weniger. Damit könnte für Ackerbau- und auch die Milchviehbetriebe 2026 das wirtschaftlich schlechteste Jahr der letzten zehn Jahre werden. Nur Betriebe mit Mutterkuhhaltung können mit einem guten Ergebnis (Effekt aus stabilen Preisen und hoher Förderung) rechnen. Viele Betriebe in Mecklenburg-Vorpommern profitieren aufgrund ihrer Betriebsgröße von Kostendegression und in guten Jahren von einem höheren Produktionsumfang. In schlechten Jahren multiplizieren sich jedoch auch die Verluste entsprechend, sodass der Schaden umso größer ausfällt. 2026 droht ein Jahr zu werden, von dem sich viele Betriebe erst nach mehreren guten Folgejahren wieder erholen können. Deshalb begrüße ich die Änderung der Direktzahlungen im kommenden Jahr, die für die Landwirtschaft rund 50 Mio. Euro an zusätzlichen Mitteln bedeutet.
Ländliche Räume:
„Mecklenburg-Vorpommerns Landesregierung hat die ländliche Entwicklung stets im Blich gehabt. Sie ist die tragende Säule des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Über die Prämienzahlungen sind allein in den Jahren 2021 bis 2025 rund zwei Milliarden Euro nach MV geflossen. Über das Agrarinvestitionsförderprogramm (AFP) konnten seit 2023 254 Vorhaben gefördert werden. Das förderfähige Investitionsvolumen betrug rd. 129 Mio. EUR. Rund 28,6 Mio. EUR wurden durch die landwirtschaftlichen Unternehmen in spezifische Maßnahmen zum Umwelt- und Klimaschutz (SIUK, z.B. Maschinen im Außenbereich, Behälterabdeckungen, Abluftanlagen u.a.) investiert. Ebenso werden Kleinstunternehmen unterstützt, Junglandwirte gefördert, ebenso wie die Stärkung der Forschung, Züchtung und Entwicklung. Das muss so bleiben, denn die Betriebe in unserem Land wollen investieren und sich den verändernden Marktbedingungen anpassen, das belegen die AFP-Zahlen (Agrarförderungsprogramm). Die Investitionsbereitschaft und die Innovationsbereitschaft der Branche sind da. Als eines der ersten EU-kofinanzierten Förderprogramme in MV startete das AFP in die ELER III Förderperiode. Durch diesen lückenlosen Übergang konnten ab 2023 254 Vorhaben mit einem Zuschussvolumen von rd. 38,36 EUR bewilligt werden. Das förderfähige Investitionsvolumen betrug rd. 129 Mio. EUR. Neben dem Ziel der Unterstützung einer wettbewerbsfähigen Landwirtschaft rücken zunehmend die Verbesserung des Tier-, Umwelt- und Klimaschutzes insbesondere die Emissionsminderung in den Fokus der Investitionstätigkeiten. Hierzu wurden die Fördertatbestände in GAK und Richtlinie mehrfach erweitert. Es wurden 94 Maßnahmen zur Verbesserung des Tierwohls mit einem Bewilligungsbetrag von rd. 23,8 Mio. EUR im Rahmen des AFP in der laufenden Förderperiode unterstützt. Dahinter steht ein Investitionsvolumen von rd. 68,23 Mio. EUR. Rund 28,6 Mio. EUR wurden durch die landwirtschaftlichen Unternehmen in spezifische Maßnahmen zum Umwelt- und Klimaschutz (SIUK, z.B. Maschinen im Außenbereich, Behälterabdeckungen, Abluftanlagen u.a.) investiert. Die Unterstützung der 58 Vorhaben durch Fördermittel betrug rd. 9,3 Mio., EUR. Besonders erwähnenswert: 31 Junglandwirte mit einer Förderung einschließlich Junglandwirtezuschuss (zusätzlicher Zuschuss i.H.v. 10 Prozent der Bemessungsgrundlage max. 20.000 Euro) konnten unterstützt werden. Die ausgereichte Bewilligungssumme betrug 4,8 Mio. EUR bei einem förderfähigen Investitionsvolumen von 13,5 Mio. EUR. Deswegen erteile ich den geplanten Änderungen der GAP eine klare Absage. Wir brauchen Investitionen im ländlichen Raum, keine Kürzungen.“
GAP-Kritik:
„Die Vorschläge zur künftigen Gestaltung der GAP nach 2028 sind ein Schlag ins Gesicht der ostdeutschen Landwirtschaft. Kappung und Degression lehnen wir ab. Sie schwächen einseitig die ostdeutschen Landwirtschaftsbetriebe. Für MV kann erwartet werden, dass die Kappung ab 100.000, - € ca. 1.000 Antragsteller betrifft. Von den aktuell gezahlten ca. 314 Mio. € würden nach dem Modell dann ab 2028 nur noch ca. 151 Mio. € zur Zahlung gebracht werden. Das sind über 160,- Mio. Euro pro Jahr weniger für die Direktzahlungen an Landwirte. Dies bedeutet eine Schwächung des ländlichen Raums, die auf keinen Fall hinnehmbar ist.“
Neue Gemeinschaftsaufgabe:
„Deswegen unterstützt die Landesregierung die Forderung nach einer neuen Gemeinschaftsaufgabe Natur- und Klimaschutz, die ich selbst in den Koa-Vertrag hineinverhandelt habe. Die Idee ist, eine Mrd. Euro des Bundes mit 300 Mio. durch die Länder zu kofinanzieren, um den Natur- und Klimaschutz in den Ländern voranzutreiben. Die Vorlage des Bundes ist zweifellos geeignet, die fehlende Finanzierung auf allen Ebenen, insbesondere auf kommunaler Ebene zu verbessern. Damit werden nicht nur die Kommunen im Land unterstützt. Die Ideen adressieren ebenso Unternehmen und Organisationen im sozialen Bereich, die von Hitzewellen besonders stark betroffen sind. Die Verbesserung strategischer Ansätze in der Klimaanpassung ist unbedingt erforderlich, um auf allen administrativen und gesellschaftlichen Ebenen den Risiken vorbeugen zu können. Ebenso wäre das Konzept geeignet, Kürzungen der GAP eventuell ein wenig zu kompensieren.“
Neue Halle 4:
„Nach all diesen bedenklich stimmenden Zahlen möchte ich auf ein highlight des heutigen Tages hinweisen: Besonders erfreut bin ich darüber, dass wir mit der neuen Halle 4 für mehr Nachhaltigkeit der MeLa gesorgt haben. Das Land hat in den Standort insgesamt 4,2 Mio. Euro investiert, in den Bau der Halle, in die Infrastruktur für Ver- und Entsorgung und die digitale Ausstattung. Die Halle 4 wird nach der Messe nicht abgebaut, sondern weiter genutzt werden können. Sie soll in Zukunft zum Beispiel dem Bevölkerungsschutz dienen oder ein Messegeschehen und Festveranstaltungen auch in der kalten Jahreszeit ermöglichen. Die Ertüchtigung des Geländes und der Neubau der Halle erfolgte innerhalb eines Jahres – das ist Rekordzeit, wie mir aus anderen Bundesländern gespiegelt wurde. Alle Gewerke sind abgeschlossen oder bis auf Restarbeiten abgeschlossen – bis auf die Sanitärhäuser. Aber wie heißt es: Irgendwas ist ja immer.“
Neue Programmpunkte setzen Zeichen für Nachwuchs und Ehrenamt
Die 35. MeLa rückt in diesem Jahr auch diejenigen stärker in den Mittelpunkt, die Landwirtschaft und ländliche Räume in Zukunft tragen und sich für das Gemeinwohl engagieren. Neu im Programm ist die Freisprechung der landwirtschaftlichen Auszubildenden am Samstag, 12. September, um 16 Uhr im Festzelt.
Backhaus: „Wer sich für einen grünen Beruf entscheidet, entscheidet sich für einen Beruf mit Zukunft. Die jungen Fachkräfte werden in unseren Betrieben dringend gebraucht. Deshalb gehört ihre Freisprechung mitten auf die MeLa – vor Publikum und mit der Wertschätzung, die dieser Schritt ins Berufsleben verdient.“
Ebenfalls am Samstag steht ab 18 Uhr das Südgelände im Zeichen der Feuerwehren. Mit dem Programmpunkt soll insbesondere den vielen ehrenamtlichen Feuerwehrfrauen und Feuerwehrmännern für ihren Einsatz gedankt werden.
„Unsere Feuerwehren sind da, wenn es darauf ankommt. Gerade bei Wald- und Erntebränden erleben wir immer wieder, wie unverzichtbar die vielen Ehrenamtlichen für den Schutz unserer Dörfer, unserer Betriebe und unserer Landschaft sind. Viele von ihnen lassen von einem Moment auf den anderen Arbeit und Familie stehen, um anderen zu helfen. Dafür wollen wir auf der MeLa ganz bewusst Danke sagen“, betont Backhaus.